2. Schachbundesliga
Ritterliche Kämpfe zur Adventszeit
10.12.2019 - 18:31

Zum Zweiten Adventswochenende mussten wir den Weg zu unserem Reisepartner nach Aue zur dritten Doppelrunde und somit den Spieltagen 5 und 6 antreten. So schön das Erzgebirge zur Weihnachtszeit auch ist, so schwierig war es aufgrund regionaler Feierlichkeiten (Lichterfest Schneeberg) eine noch zur Verfügung stehende Unterkunft zu finden. Cassi organisierte die Beherbergung im Lengenfelder Hof in Lengenfeld, gute 30 Autominuten vom Spielort entfernt. Das geplante Abendmahl dort musste allerdings entfallen, da für diesen Abend eine Weihnachtsfeier angesetzt war. Nach einigen glücklosen Versuchen, in anliegenden Gaststätten einen Tisch reservieren zu können, landete Matthias schließlich einen Treffer: Im Gasthof „Rittergut“ war noch ein Tisch zu haben. Nach einer kurzen kräftigen Stärkung zum Mittag ging es auf zum Spielort. Wir traten in folgender Aufstellung an:


1 Franz Bräuer
2 Jan Votava
3 Peter Enders
4 Petr Haba
5 Moritz Weishäutel
6 Matthias Müller
7 Bernd Vökler
8 Thomas Casper

Unser Gegner am Samstag waren die Schachfreunde von Noris Tarrasch Nürnberg, die uns wohl bekannt waren. Etwas überraschend fielen zwei Stammkräfte bei Ihnen aus, sodass wir als klarer Favorit in den Kampf gingen, der spannend begann: Franz wurde eine der vielen Nebenabspiele im Spanischen Anti-Marshall vorgesetzt. Ein Bauernopfer in der Eröffnung verlieh der Partie früh ordentlich Würze und Franz erhielt schnell gute Kompensation in Form des Läuferpaars. Jan bekam die komplexe Ragosin-Verteidigung vorgesetzt und erreichte optisch nicht allzu viel. Peter brachte eine häusliche Vorbereitung in einem schwerblütigen Franzosen aus Brett. Trotz Zweifel der Kiebitze war Peter stets optimistisch und spielte entsprechend kampfbetont. Petr erreichte einen optischen, aber nur mikroskopischen Vorteil aus der Eröffnung und versuchte früh in einem remislichen Endspiel Druck aufzubauen. Moritz erhielt einen komplexen Anti-Sizilianer, in dem er aber nichts zu befürchten hatte. Matthias erreichte schnell ein angenehmes Plus in einer populären Französisch-Variante und konnte früh Druck machen. Bernds Moderne Verteidigung erwies sich als spannende Angelegenheit. Unrochiert gelangte die gegnerische Dame früh in die schwarze Stellung, doch ergaben sich bald gute Angriffsmöglichkeiten für Bernd. Cassi spielte gewohnt solide und erreichte ein optisches Plus, aber objektiv wohl nur wenig. So zeichneten sich bei Petr und Cassi alsbald die Friedensschlüsse ab, doch währenddessen hatten Matthias durch schöne Spielführung und Bernd durch ein paar taktische Kniffe eine 2-Punkte-Führung erspielt. Doch die Nürnberger kämpften sich zurück, nachdem Jan eine Unachtsamkeit im Mittelspiel unterlief und er daraufhin in einem hoffnungslosen Endspiel landete. Nun hing es an Franz, Peter und Moritz. Franz hatte zwar seinen Minusbauern zurückerobert, doch durch ein paar Ungenauigkeiten einigen Druck zu überstehen. Kurz vor der Zeitkontrolle ließ sein Gegner GM Milov eine gute Möglichkeit zum Vorteil aus und konnte trotz Bauerngewinn die Verteidigung von Franz nicht brechen. Remis kurz nach der Zeitkontrolle war das logische Ergebnis. Moritz‘ Partie war nach einigen Verwicklungen und einer verpassten Gewinnmöglichkeit in einem remislichen Endspiel gemündet, welches dann auch vereinbart wurde. So lag es an Peter uns den Mannschaftssieg zu sichern. Obwohl Remis gereicht hätte, spielte Peter unverdrossen auf Gewinn, was sich letztendlich auszahlte. Aber sicherlich hatte sein Gegner zwischendurch eine gute Chance verpasst und hätte zumindest nicht verlieren müssen. So hieß es am Ende nach hart umkämpften Partien 5-3 für uns, was durchaus verdient war.
Der Abend klang bei gutem Essen und Heiterkeit im „Rittergut“ aus, wobei einige Geschichten zum Besten gegeben und s(ch)achliche Diskussionen (Botwinniks Aussage, dass Zentrumsbauern stärker seien als Randbauern konnte nicht allgemein akzeptiert werden) geführt wurden. Letztendlich konnten wir nur ahnen, dass der Kampf am Folgetag ein munteres Hauen und Stechen werden würde, wie es bei so manchen Ritterturnieren gang und gäbe ist.
Am Sonntag stand das Duell gegen die Schachfreunde Bad Mergentheim an, die multikulturell und mit einigen starken Titelträgern aufgestellt, schon einige Punkte im Saisonverlauf eingefahren hatten. Der Kampf begann verhalten mit schnellen Schwarzremisen von Matthias und Cassi. Auch Jan steuerte ein unspektakuläres Remis bei. Dann begannen sich spannende Partien abzuzeichnen: Franz, der früh eine vorbereitete Neuerung gebracht hatte, konnte seinen Gegner frühzeitig unter Druck setzen und einen langfristigen strategischen Vorteil erarbeiten. Peters Allzweckwaffe 1.b3 verwirrte den Gegner zwar nicht, doch war die Stellung ausgangs der Eröffnung für die Kiebitze sehr verwirrend. Schließlich war es die exponierte schwarze Dame, die seinen Gegner ins Hintertreffen geraten ließ und Peter vollstreckte zum Punkt. Unterdessen waren Petr, der sich nach heterogenen Rochaden in der Eröffnung unangenehmem Druck ausgesetzt sah, und Moritz, der im jugendlichen Leichtsinn zu früh Verwicklungen suchte, die einen starken Konter zuließen, ins Hintertreffen geraten. Bernd hatte lange Zeit die Stellung sehr gut kontrolliert, vor der Zeitkontrolle wurde es jedoch knifflig. Durch ein Damenopfer entstand eine komplizierte Stellung mit beiderseits luftigen Königen. Die Gunst der Initiative lag dann bei Bernd, der den zweiten Punkt für uns einstrich. Währenddessen musste sich Moritz, der nach Ungenauigkeiten seines Gegners wieder Fuß in die Partie bekommen hatte, in der kritischen Partiestellung entscheiden, welchen gegnerischen Bauern er zu nehmen hatte. Offenbar traf er diese falsch und musste wenige Züge später die Waffen strecken. Petrs Gegner spielte derweil einen starken Angriff und entblößte mehr und mehr den gegnerischen König. Petr fand keine Verteidigung mehr und musste sich ebenfalls geschlagen geben. So wurde die Partie am Spitzenbrett zum entscheidenden Duell. Franz hatte geduldig manövriert und den Druck nach und nach verstärkt. Kurz vor der Zeitkontrolle verpasste er dann den forcierten Gewinn (die Kiebitze hatten es erspäht), behielt danach aber die Ruhe, um weiter zu manövrieren und die Schwächen in der gegnerischen Stellung auszunutzen. Schließlich schnürte er seinen Kontrahenten mehr und mehr ein, sodass eine Zugzwang-Konstellation entstand. Den technischen Gewinnweg ließ sich GM Karpatchev nicht mehr zeigen und gab auf. So gewannen wir auch diesen Kampf glücklich, aber letztendlich verdient mit 4,5-3,5.
Mit nun acht Mannschaftspunkten sind wir im gesicherten Mittelfeld der Tabelle angekommen. Nach der Winterpause können wir entspannt dem im Februar anstehenden Kampf gegen Reisepartner Aue entgegensehen.


Rudolf Ruether


gedruckt am 20.05.2024 - 21:58
https://www.erfurter-sk.de/include.php?path=content&contentid=597